Grand Raid 2018 Bericht

20 Jahre Pause

20 Jahre nach meinem Sieg beim Grand Raid, wollte ich mich der Herausforderung nochmals stellen. Aber nicht alleine, weitere Biker wollte ich für diesen Event begeistern und in der Vorbereitung begleiten. Auf zehn Teilnehmern habe ich gehofft, zuletzt waren wir 30 Bikerinnen und Biker am Start. Das hat mich natürlich riesig gefreut!

Keinen Leistungsabriss im Rennen

Ziel war es, dass alle «finishen» und so ihr eigenes unvergessliches Bike – Erlebnis erhalten. Mein persönliches Ziel war es, eine konstant hohe Leistung während dem ganzen Rennen abrufen zu können. Doch wie konnte ich diese Leistung definieren. Ich legte mir nach 20 Jahren wieder einen Pulsgurt an und montierte auf mein Bike einen Trittfrequenz Sensor. So konnte ich im Training meine Leistung in Zahlen fassen. Mit welcher ich im Grand Raid mein optimales Rennen fahren wollte. Die Zeit und der Rang würde sich daraus ergeben und erst als interessante Nebenansicht zu sehen sein.

Zwei Trainings in der Woche

In den Monaten Januar bis Mai habe ich in meinen Spinningstunden viel für meine Kondition gemacht. Ich musste sogar schauen, dass ich in meiner Freizeit zur Ruhe komme und mein Körper auch etwas Erholung erhält. Fitnessmässig war ich bis Mitte März voll auf Kurs. Im März und April gab es jedoch einen Angestelltenwechsel. Eine neue Arbeitskraft sollte ich aber erst im Mai wiederbekommen. So war ich im Geschäft, da Hochsaison war, voll am Anschlag und mein Training schrumpfte auf eine Sonntagseinheit von 2 Stunden. Anfang Mai konnte ich Rohr Philipp anstellen und somit bekam ich endlich wieder etwas mehr Luft und konnte so jeweils Mittwochs wieder mit meinen Kumpeln zum Feierabendbiken. Die freien Sonntage, nutzte ich für 3 bis 4 stündige Trainings. Dieses Trainings mussten für den besagten «Tag X» reichen!

Renntag

Ich stellte am Vorabend meinen Wecker auf 3:00 Uhr. Erwacht bin ich aber schon um zwei Uhr morgens und dann ging das hin und her wälzen los. Ich war richtig froh, als es drei Uhr war und ich aufstehen konnte. Gemütlich nahm ich mein Müesli zu mir und konnte mich für die Fahrt ins Geschäft bereit machen. Um 4:00 war Abfahrtszeit mit meinem Team und alle waren auch pünktlich da. Von jetzt an war ich in meinem Rennmodus drin. Angespannt war ich nur, weil ich mit unserem Bus nicht so schnell fahren konnte wie erlaubt war.  Der Transport ging voll nach Plan auf und wir konnten unsere Bikes in Heremence entladen. Jetzt gab es kein Halten mehr für mich. Schnellst möglich wollte ich an den Start, um möglichst einen optimalen Platz zu ergattern. Am Startbogen angekommen, traute ich meinen Augen nicht. Bloss drei bis vier weitere Fahrer waren schon dort und so konnte ich mich in der ersten Reihe installieren. Optimal, besser hätte es nicht sein können. Mit jedem Fahrer, welcher im Startfeld eintraf stieg auch meine Nervosität. Ich wusste, dass ich immer mind. 10 Minuten brauche, bis meine Muskulatur betriebsbereit ist. Aus Angst meinen Startplatz zu verlieren habe ich jedoch auch das Einfahren verzichtet. 
Punkt 6:15 Uhr liess man uns endlich fahren. Als dritter Fahrer konnte ich die erste kleine Abfahrt bewältigen und dann ging es schon ziemlich hoch. Geplant war, dass ich am Anfang meinen Motor nicht überdrehe und die 170er Pulsgrenze nicht überschreite. Das habe ich auch so umgesetzt, obwohl mich etliche Fahrer links und rechts überholt haben. Nach 10 Minuten pendelte sich das Feld auch ein und ich fühlte mich recht gut. 5 Minuten später hatten wir auch schon die erste Steigung fast hinter uns, danach folgte eine 4km lange, flache Passage. Diese wollte ich nicht alleine fahren und schloss mit einem Effort zu einer Gruppe von vier Fahrern auf. Mein Puls schnellte auf 180 Schlägen hoch. Aber ich hatte es geschafft. Die Freude über den Anschluss weilte aber nur sehr kurz, denn ich spürte ein zwicken in den Waden. Oh nein, Anzeichen von Muskelkrämpfen. Schnell zog ich meinen Muskelentspanner aus der Trikotasche und nahm vorsichtshalber nur die Hälfte. Der Weg ins Ziel war ja noch sehr, sehr lange und ich hatte plötzlich ein Problem mit dem ich, wenn überhaupt, erst nach 3 bis 4 Stunden gerechnet hätte! Drei Minuten überpowert und nach 20 Min. wusste ich schon, das wars mit meinem optimalen Rennen. Damit sollte ich auch recht behalten. Auf der Fläche war unsere Gruppe recht langsam unterwegs und ich konnte das Tempo leicht mitfahren. Jetzt kam der nächste Aufstieg zum Mandelon. Die Gruppe hatte ein ziemlich unrythmisches Tempo. Immer wieder musste ich abreissen lassen und fuhr in meinem Tempo dann wieder heran. Meine Waden fühlten sich steinhart an. Ich traute mich gar nicht, aufzustehen und so meine Waden intensiver zu belasten. Nach weiteren 20 Min. Aufstieg musste ich die Gruppe ziehen lassen. Hier war ich an dritter Stelle was ich aber im Rennverlauf nicht wusste. Zuoberst auf dem Mandelon folgte nun die technisch anspruchsvolle Flachpassage. Im Wissen, dass man dort immer wieder ungewollt absteigen muss und dabei seine Waden stark belastet, fürchtete ich mich schon vor dem ersten Bodenkontakt mit dem Schuh. Einmal kurz an einem Stein angehängt, den Schwung verloren und schon war mein Schreckenszenario Tatsache. Meine rechte Wade zog sich zusammen und der Muskelkrampf setzte ein. Wieder auf dem Rad versuchte ich die Wade mit überstrecken wieder zu lösen was auch nach einigen Sekunden wieder gelang. Da ich jetzt erst am Anfang von diesem Abschnitt war wiederholte sich dieses Szenario noch 4 bis 5mal. Die Waden waren jetzt nicht mehr hart wie Stein sondern wie Eisen. Endlich kam ich zur Forststrasse, welche hinunter nach Evolen führte. Entspannung war also in Sicht. Diese dauerte jedoch nur bis zur ersten Kurve. Damit ich eine schnelle Strassenkurve sicher fahren kann, strecke ich das Innen-Bein immer nach aussen. Diese Technik machte ich aber Heute nur ein Mal. Denn der Muskelkrampf setzte ohne Mitleid wieder ein. Also musste ich in jeder Kurve mehr Tempo herausnehmen um eingeklickt die Kurve fahren zu können. Trotzdem konnte ich noch Fahrer überholen.

In Evolène stand meine Familie bereit und übergab mir die nächste Trinkflasche. Von meinen Krämpfen wollte ich lieber nichts sagen. Also führ ich schleunigst weiter. Hier passierte ich sogar als erster in meiner Kategorie. Der nächste Aufstieg nach Eison folgte. Ich versuchte meinen antrainierten Rhythmus zu finden, doch ich konnte einfach keine Kraft mehr aufs Pedal bringen. Mit jedem zu starken Druck meldeten sich meine Waden. Also ging es in einem bescheidenen Tempo weiter. Vor Eison holte ich dann schon die ersten Fahrer vom Startort in Evolène ein. Das war ein weiteres Problem für meine Waden. Denn, wenn das Überholmanöver auf einem Trailabschnitt war, musste ich jedes Mal mehr Druck auf die Waden geben als gewünscht. Das bekam meinen Waden sehr schlecht. Doch auch mich überholten immer mal wieder Fahrer, was dann mental schwierig war. In Eison dann die nächste Verpflegung und ich wusste, von hier an verlassen dich dann auch schon die ersten Kräfte. Links und rechts an den Evolènestartern vorbei, kämpfte ich mich weiter. Doch ich passte mich immer mehr dem Tempo von den Überholten an. Die Luft war raus und mein Ziel war nur noch anzukommen. Daraus folgte der 23 Zwischenrang. Jetzt folgte noch die letzte, steilste und längste Schiebepassage auf den Pas de Lona hoch. Auch hier wusste ich genau, was mich erwartet. Deshalb schaute ich auch gar nie ganz nach oben, sondern nur jeweils auf die nächsten 20 Meter. Als ich vom Bike abstieg, war ich schon auf das schlimmste gefasst. Die Waden würden das sicher nicht mitmachen. Doch oh Wunder, die Krämpfe setzten nicht ein. Ein leichtes ziehen im Oberschenkel und das wars. Schwein gehabt! So reihte ich mich in die Bikerschlange ein und kämpfte mich wie weitere Tausende Biker den Weg hoch. Ich wollte einfach nicht stehen bleiben, aber kam auch nur mit kleinen Schritten vorwärts. Nicht stehen bleiben, denn sonst kühlen die Muskeln ab und die Krämpfe setzen wieder ein.

Endlich oben, den «Boostdrink» getrunken und weiter ging es zum letzten Aufstieg hoch. Hier konnte ich mich nochmals aufraffen den das Ziel war jetzt zum Greifen nahe. Bis ins Ziel konnte ich noch einige Fahrer überholen, was mich mental nochmals beflügelte. Auf den letzten zwei Kilometern heisst es, einfach keinen Durchschlag einfangen und den Lenker nicht aus der Hand verlieren.

Ziel, Erleichterung und sofort in eine Dehnposition um den Muskelkrämpfen entgegenzuwirken. Meine ersten Gedankenblitze: «Das habe ich mir schon etwas anders vorgestellt!» «Eigentlich wollte ich mit einem guten Gefühl nach Hause fahren und jetzt konnte ich meine Leistung gar nicht abrufen!»

So muss ich nächstes Jahr wohl nochmals antreten, damit ich mein optimales Rennen fahren kann!

30 Jahre Grand Raid im Jahr 2019 passt perfekt!